Ein Tag im Leben von Liese – Teil 7

Die Uhr ist eine Stunde zurückgestellt, draußen ist es früher dunkel, und das bedeutet: Abends wird das Licht im Haus angeschaltet. Für Liese ein ganz neues Abenteuer!

Wat, wer bist du denn?

Was war es wieder für ein herrlicher Tag! Gerade noch ist Liese mit Herrchen über die Wiese im Park getobt und hat Herrchen und Frauchen danach beim Abendessen Gesellschaft geleistet. Nun sitzen die beiden gemütlich auf der Couch, und Liese legt sich entspannt auf ihre Hundedecke. Doch was ist das? Wachsam richtet sie sich auf und spitzt ihre Ohren. Sie pirscht sich langsam an die Terrassentür heran, und da! Genau vor ihr sitzt ein weißer Hund und schaut sie neugierig an. Viel älter als sie selbst kann er noch nicht sein. Sie schickt ihm ein warnendes Knurren entgegen, schließlich ist das hier ihr Revier. Doch der Frechdachs lässt sich überhaupt nicht einschüchtern, er knurrt sogar zurück!

Verschwinde!

Nun ist aber genug, das lässt sich Liese nicht gefallen. Mit einem Satz ist sie an der Terrassentür und wedelt aufgeregt mit dem Schwanz. „Verschwinde!“, ruft sie. „Das hier ist mein Zuhause.“ Aber der Andere denkt gar nicht daran, abzuhauen. Er wedelt genauso eifrig mit dem Schwanz, als wolle er sie provozieren.

Der Schuft!

Sie rennt zu Herrchen und Frauchen. „Seht ihr den anderen Hund da drüben? Der will hier rein. Wir müssen was unternehmen!“ Doch weder Herrchen noch Frauchen scheinen sich daran zu stören. „Liese!“, maßregelt Herrchen sie. „Nun ist aber genug.“

Liese versteht die Welt nicht mehr. „Aber wenn ich es euch doch sage, da sitzt ein Eindringling. Genau da!“ Doch als sie sich umdreht und den Hals reckt, ist der weiße Hund verschwunden. Sie legt sich vor die Couch, behält die Terrassentür aber im Auge.

Weg ist er

Am nächsten Morgen läuft sie sofort wieder zur Terrassentür. Sie konnte kaum schlafen, weil ihr der Fremde die ganze Nacht im Kopf herumgeschwirrt ist. Was wollte er von ihr und ihrer Familie? „Liese, was hast du denn?“, wundert sich Frauchen. „Musst du raus?“ Ja, sie muss raus und nach dem Rechten schauen. Aber das kann Liese ihr jetzt nicht erklären. Es gibt Wichtigeres zu tun.

Draußen rennt sie in jede Ecke des Gartens, inspiziert den Zaun sorgfältig und sucht überall nach Schlupflöchern. Aber sie findet weder eine Spur des Eindringlings noch einen Weg, durch den er gekommen sein könnte. Seltsam! Sie hat sich das doch nicht eingebildet.

Liese, die Furchteinflößende!

Den ganzen Tag taucht der Fremde nicht mehr auf. Sie ist schon stolz auf sich, dass sie ihn so tüchtig vertrieben hat. Liese, die Furchteinflößende! Als sie sich am Abend wieder auf ihre Hundedecke legt, denkt sie schon gar nicht mehr an den unverschämten Kerl. Aber als ihr Blick zufällig die Terrassentür streift, liegt er feist davor. Das kann doch nicht wahr sein!

Liese springt zur Terrassentür und bellt ihn an: „Was willst du hier? Warte bis ich rauskomme! Herrchen, Frauchen, lasst mich sofort raus!!!“ Herrchen kommt schnell herbeigeeilt und öffnet die Tür. „Das scheint dringend zu sein“, hört sie ihn zu Frauchen sagen. Und ob das dringend ist! Sie huscht wie von der Tarantel gestochen über die Terrasse und durch den  Garten, doch der Fremde ist wieder entkommen. Und das alles nur, weil Herrchen zu langsam war. Zur Strafe würdigt sie ihn den ganzen Abend keines Blickes mehr.

Direkte Konfrontation

Am nächsten Abend entscheidet sie sich für direkte Konfrontation. Sobald Herrchen und Frauchen ins Wohnzimmer gehen, läuft sie zur Terrassentür. Wer sagt’s denn? Ihr Widersacher wartet schon auf sie. „Jetzt hör mal zu, Freundchen!“, ruft sie böse. „Mit so einem Feigling wie dir werde ich schnell fertig. Von wegen auftauchen, solange die Tür verschlossen ist, und dann den Schwanz einziehen, wenn sie aufgeht. Was willst du? Sag es mir sofort!“

Sie sieht, dass der andere die Schnauze geöffnet hat und irgendetwas antwortet, doch sie hört ihn nicht. Der Dummkopf spricht auch immer zur selben Zeit wie sie. Und wenn sie ruhig ist, ist er es auch. So ein Idiot!

Liese schäumt über vor Wut

„Pass auf, wenn ich dich erwische!“, bellt sie wütend. „Ich mach dich platt, hörst du?! Du wirst dein blaues Wunder erleben.“ Doch anstatt sich zurückzuziehen, kläfft der Andere sie genauso an. Je mehr sie sich in Rage redet, desto mehr scheint er sie auszulachen. Sie springt gegen die Tür und schäumt vor Wut: „Na, warte! Ich werde dich durch den Garten jagen, bis dir das Lachen vergeht. Du dreckiger, kleiner…“ –

„Liese!“, ruft Frauchen ernst. „Hör gefälligst auf, so zu bellen. Du weckst das Baby. Komm sofort her. Aber schnell!“ Liese wirft dem Fremden einen bösen Blick zu und geht geduckt zu Frauchen zurück. In ihr brodelt es, aber sie muss Frauchen gehorchen. Sonst gibt es nachher vielleicht kein Gute-Nacht-Leckerli, und diese Genugtuung gönnt sie dem Bösewicht da draußen nicht.

Der traut sich nicht mehr hierher

„Was ist denn los, Liese?“, fragt Frauchen sanft und krault ihr den Kopf. “ Da draußen ist nichts. Oder hast du Angst vorm Dunkeln?“

Ich bitte dich, denkt Liese, Angst vorm Dunkeln. Pah! Sie schaut ein letztes Mal zur Terrassentür. Vom Fremden fehlt jede Spur. Hat sie ihn wohl doch endlich in die Flucht geschlagen. Der taucht so schnell nicht wieder hier auf. Aber die ganze Aufregung hat sie schrecklich müde gemacht. Zufrieden mit sich selbst streckt sie alle Viere von sich.

Nur noch weit entfernt und ohne auf die Worte zu achten, hört sie Herrchens Stimme:  „Sie hat keine Angst vorm Dunkeln. Sie bellt bloß ihr Spiegelbild an.“

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