Nicht ganz schmerzfrei, aber befreiend: Das Wandern

Schnaufend schleppe ich mich den steilen Weg nach oben. Warum tue ich mir das an? Von wegen Entspannung. Ich schwitze mich tot und bekomme kaum Luft. Und dabei geht’s gerade erst los. WTF?

Schwerer Start

Meine Mutter ist ein sehr aktiver Mensch. Und ein sehr kleiner Mensch. Mit wenig Gewicht. Sie springt fröhlich pfeifend des Weges voran, während ich zu einem schwerfälligen Walross mutiere. Vor ungefähr 15 Minuten sind wir bei schönstem Sonnenschein aus dem Zug gestiegen. Da dachte ich noch, Wandern wäre eine gute Idee. Nun sind wir bei unserem ersten Aufstieg (und ich ahne schon, dass noch viele folgen. Wie viele, ist mir hier noch nicht klar!) und ich will am liebsten wieder zurück zum Zug. Wie unfassbar unfit ich bin! Und ich dachte, ich wäre sportlich genug. Pah! Lächerlich.

Selbstmotivation

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Nur noch bis da oben…

Ich wälze mich von Biegung zu Biegung und erschaffe mir kleine Ziele. Bis zum Grashalm da vorne. Bis zu dem Baumstamm. Nur noch bis zur Wiese. Dann ist es geschafft! Ich motiviere mich selbst und atme ruhig. Du kannst das. Puh! Du schaffst das. Puh! Oben wird es wunderschön sein. Puh! Ganz sicher. Puh! Kurze Pause. Atmen, atmen, atmen. Mutter verfluchen dafür, dass sie so fit ist. Atmen, atmen, atmen. Weiter! Bis zum Baumstamm…

Irgendwann bin ich mit den letzten Atemzügen oben angekommen. Meine Wasservorräte sind nach 30 Minuten Wandern schon zur Hälfte aufgebraucht. Na prima! Ich schaue auf die zerknickte Karte in meiner zitternden, feuerroten Hand und stelle fest, dass erst 1% der gesamten Route geschafft sind. Wunderbar! Meine Mutter hingegen strahlt mich an: Und jetzt, wo geht’s lang? Weiter geht’s! Argh…

Die Königsetappe

Nun. Auf jeden Aufstieg folgt ein Abstieg. Das allein ist aber nicht so schlimm, runter geht. Das Schlimme daran ist die Gewissheit, dass auf den Abstieg auch wieder ein Aufstieg folgt. Und die Route heißt nicht umsonst Die Königsetappe. Sie könnte auch Die Champion-Etappe heißen. Und wenn du deine Beine irgendwann zittern spürst und nicht weißt, wie lange sie dich noch tragen werden, aber du auch weißt, dass sie dich noch eine Weile tragen müssen, dann möchtest du dich am liebsten an den Wegrand setzen und weinen. Wirklich! Tuste aber nicht.

Die hart erkämpfte Belohnung

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Der Ausblick von oben ist sensationell!

Als ich den gemeinen Anfangsaufstieg (der sich im Übrigen noch eine weitere halbe Stunde hingezogen hat) überstanden habe, werde ich mit einem atemberaubenden Ausblick über das Rheintal belohnt. Ich weiß, ich weiß. Das klingt wie im Reiseführer. Aber es IST faktisch einfach atemberaubend. Also der Aufstieg hat mir auch den Atem geraubt. Aber wenn ich dann da oben stehe und nichts höre als meinen Atem und unter mir eine ganz andere lebendige Welt sehe, die aber so weit weg von mir selbst scheint, dann fühlte ich mich… frei. Frei von Pflichten. Frei von Sorgen. Frei von Druck.

Oasen dazwischen

Es sind aber nicht nur die Ausblicke, für die es sich lohnt. Zwischen den harten Aufstiegen (und Abstiegen) kommen Strecken, die einfach mühelos dahin plätschern. Durch Felder und Wiesen. An Gipfeln entlang. Durch Wälder. Andächtige Wälder, in denen es mucksmäuschenstill ist. So still, dass ich mich nicht traue, zu sprechen.

Natur gucken

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Über Stock und Stein, Berg und Tal

Wir schweigen oft einfach vor uns hin. Nicht, weil wir uns nichts zu sagen haben. Sondern, weil es nichts zu sagen gibt. Wir sind fokussiert auf unseren Atem und die Schritte. Über mehr müssen wir uns aktuell nicht kümmern. Atmen, laufen, trinken. Gucken. Natur gucken.

Meine Ma macht unzählige Bilder von Flora und Fauna. Ich schaue ihr dabei zu und freue mich darüber, dass sie so viel Spaß dran hat. An etwas so vermeintlich Banalem. Wann haben wir schon einmal die Gelegenheit, uns im stressigen Alltag mit einer schönen Blume zu befassen? Oder über eine Wiese zu springen?

Freiheit

Wandern erdet so. Ich habe so oft auf dieser Tour gemerkt, dass das, was mich sonst beschäftigt, hier so nebensächlich ist. So unwichtig. Wir schaufeln unseren Kopf viel zu oft mit unwichtigem Scheiß zu. Wenn ich mich in der Natur bewege, wird mir das jedes Mal bewusst. Dass das Leben nicht da unten in dem lebendigen Alltagstreiben spielt. Sondern hier, auf dieser Wiese zwischen den Blumen. Hier bin ich ganz bei mir. Mein Kopf ist leer. Keine Checklisten. Keine Ängste. Keine Selbstzweifel. Hier kann ich frei durchatmen, ohne dass ein Knoten mir die Brust zuschnürt.

Wandern ist also fast schon eine Art Entschlackung des Kopfes. Einmal raus mit dem ganzen Mist und Platz schaffen. Platz für das wirklich Wichtige. Freude, Zufriedenheit, Spaß. Liebe.

Bärenfester Schlaf

Klar krieche ich jeden Abend mit Schmerzen ins Bett. Nachdem ich mir meine Füße großflächig mit Heilsalbe eingeschmiert habe. Ich spüre den Muskelkater meines Lebens. Aber ich schlafe wie ein Murmeltier. Tief und sorglos. Und am nächsten Morgen fühle ich mich ausgeruht und froh. Bereit, wieder loszuziehen. Mit meiner gutgelaunten Muddi.

Und das Hamsterrad im Kopf steht still

Wenn ich den Kopf freibekommen will, fahre ich in die Natur. Muss ja nicht jedes Mal Die Königsetappe sein. Ein ausgedehnter Spaziergang oder eine Radtour tun’s auch. Hauptsache weg von dem Treiben und rein in die Landschaft drum herum. Wandern hat den Vorteil, dass die körperliche Beanspruchung mich zwingt, nichts anderes zu tun, als mich auf mich selbst zu konzentrieren. Das verstärkt den Kopf-Frei-Effekt! Aber auch den Muskelkater 🙂

Trotzdem ist eine schöne Wanderung bei gutem Wetter für mich die intensivste und befreiendste Hamsterrad-Stopp-Methode.

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