Lieber online als in der realen Welt

Neulich bin ich mit meinem Freund mal wieder essen gegangen. Am Tisch neben uns saß auch ein junges Pärchen oder zumindest zwei Menschen, die ein Date hatten. Eigentlich waren sie ganz süß, aber etwas stimmte nicht. Denn anstatt miteinander zu sprechen, saßen beide in ihre Handys vertieft.

Und das quasi die ganze Zeit. Ich fragte mich, was es in diesem Moment wohl Wichtigeres gab als den realen Mensch vor ihnen. Oder vielleicht war das Date auch scheiße und das Mädel schrieb ihrer Freundin gerade: „Boah Chantal, der macht mich fertig! Ich muss hier weg.“ Und der Junge checkte vermutlich die Fußballergebnisse.

Schutz vor der Außenwelt

Aber das ist kein Einzelfall. Wenn ich mit der Bahn unterwegs bin, sind die meisten Fahrgäste mit ihren Handys beschäftigt. Wahrscheinlich wollen sie nicht gestört werden. Und ein Handy kann ja auch ein Schutz sein vor anderen Menschen, die sich erdreisten könnten, etwas zu wollen. Den freien Nebenplatz zum Beispiel. Und wer nicht hinschaut, sieht auch nicht. „Ach, Sie wollten hier hin? Hab ich gar nicht mitbekommen.“ Wenn man mal genauer hinschaust (nicht, dass ich auf fremder Leute Handys schauen würde), merkt man schnell, dass viele hauptsächlich auf Facebook,  Whatsapp oder Instagram & Co. unterwegs sind. Manche klicken auch nur scheinbar ziellos zwischen den Apps hin und her.

Immer am Zahn der Zeit

„Woran denkst du?“, fragte mich mein Freund, als ich gedankenverloren zu dem Pärchen schaute. „Ich frage mich, warum die beiden nicht miteinander sprechen. Was meinst du, was tun die da?“ Seine Theorie war, dass die beiden nichts verpassen wollen. „Schau mal“, sagte er. „Die sind immer online, immer verfügbar. Immer am Zahn der Zeit. Nichts geht ihnen durch. Sie sind die ersten, die das neue Katzenfoto kommentieren. Die ersten, die das neue Video von Kim Kardashian teilen. Denn wer weiß, was in der Welt abgeht, ist in. Und bei dem Informationsfluss in unserer Zeit muss man schnell und immer on sein, wenn man in sein will. Sich auf sein Date konzentrieren ist da wohl nicht mehr drin.“

Ich bin mein Avatar

Hm. Vielleicht. „Aber meinst du nicht, es spielt auch eine große Portion Geltungsbedürfnis mit? Im Netz kann  man sich ja eine Version von sich selbst aufbauen, einen Avatar sozusagen, der vermeintlich besser ist als das echte Ich.“ Er grinste mich an: „Kann auch sein. Vielleicht postet sie ja grad auf Facebook: Sieh mal, wer mit dem Mädchenschwarm der Schule ein Date hat: Ja genau, ich! Bähm! Und als Beweis ein Selfie.“  Wir mussten lachen, wobei es so abwegig gar nicht war.  

Lieber online als in der realen Welt
Wenn das Handy zum treuen Dauerbegleiter wird…

„Denk doch mal an Tina, die ist auch ständig am Handy.“ Da hatte er recht. Sie kann keine zwei Minuten aushalten, ohne aufs Handy zu schauen. Ich glaube, sie hat das Gefühl, erst wirklich etwas wert zu sein, wenn viele sogenannte „Freunde“ wahrnehmen und liken, was sie tut. Das gesprochene Wort eines echten Freundes ist weniger wert als 100 Likes auf Facebook. Was hat eine Person schon groß zu sagen? Die Masse macht’s. Klar hat das auch etwas mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun. Wenn sie sich alleine fühlt oder nichts zu tun hat, postet sie. Oder kommentiert. Oder markiert. Oder teilt. Das Handy liegt immer auf dem Tisch, griffbereit neben ihr. Sie zwingt sich, nicht ständig danach zu greifen, aber es ist eine Überwindung für sie. Und je länger es dauert, desto abwesender wird sie. Dann kann ich zwar mit ihr sprechen, aber es dringt nicht zu ihr durch. Bis es irgendwann aus ihr heraussprudelt: „Weißt du was? Boris hat schon seit einer Stunde nicht geantwortet und dabei war er online! Das macht mich fertig.“  Rate mal, wen noch.

Nicht verpassen

Während ich an meinem Wein nippte, war ich froh, dass ich mich noch nicht in diesem Online-Strudel befand. Ich stellte es mir unfassbar anstrengend vor, wenn man immer online sein muss und im Posting-Zwang steckt. Und es muss doch auch ziemlich einsam sein, oder? Selbst wenn ich 100 Online-Freunde hätte, wüsste die Hälfte nichts über mein Leben, würden sie mir nicht zufällig in den sozialen Medien „folgen“. Vielleicht wollte das Pärchen nichts verpassen. Aber verpassten die beiden nicht gerade ihr reales Date und die Chance, einen tollen Menschen kennen zu lernen? Vielleicht war der Mensch gegenüber von ihnen ja genau der Richtige für sie, das perfekte Match.

Ich zuckte zusammen, weil ich gerade merkte, dass ich selbst dabei war, mein eigenes Date zu verpassen. Deshalb schlug ich die Karte zu, bestellte meine Lieblingslasagne und befasste mich mit dem tollen und total realen Menschen gegenüber von mir.

„So erzähl mal, wie war dein Tag?“

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