Driving Home for Christmas

Dicke Flocken fallen gegen die Frontscheibe und legen sich wie eine warme Decke auf die Motorhaube. Um uns herum ist alles weiß. Die Welt da draußen liegt friedlich und ruhig vor uns. Aus dem Radio schallt Driving Home for Christmas. Wie bestellt, um diese idyllische Kulisse abzurunden.

Ich wickele meinen Schal fest um mich herum, während ich aus dem Auto steige. Unter meinen Füßen knirscht der Schnee. Ich hake mich bei meinem Freund ein, atme tief ein und stoßweise wieder aus. Kleine Rauchzeichen aus heißem Atem ziehen in die frostige Luft. So wie die Kaminluft, die nicht weit weg aus dem Schornstein unseres Hauses steigt. Es liegen viele Autostunden hinter uns, durch fünf Bundesländer, einmal quer durchs Land. Aber das macht mir nichts aus, denn als ich den mir so vertrauten Weg laufe, weiß ich, dass ich daheim angekommen bin.

Zurück in die Heimat zur Familie

Ich sehe meine Familie nicht sehr oft. Meine Wege haben mich hunderte Kilometer von meiner Heimat entfernt und das Zuhause, das ich mir aufgebaut habe, bringt mich nicht näher heran. Aber so ist das Leben und es ist auch ok so. Ich bin glücklich da, wo ich bin. Doch es gibt eine ganz bestimmte Zeit im Jahr, da bin ich nirgendwo lieber als daheim: Weihnachten.

Meine Mutter öffnet uns die Tür, es strömt uns Wärme entgegen. Und Freude. Ehrliche, aufrichtige Wiedersehensfreude. Ich nehme sie in den Arm. Sie ist deutlich kleiner als ich, so dass ich sie problemlos hochnehmen könnte. Mache ich aber nicht. Schließlich ist sie ja meine Mutter. Hinter ihr tritt mein Vater in den Flur. Er hingegen ist deutlich größer als ich. Ich lasse mich in seine Arme fallen. Unser Fels in der Brandung. Eine Umarmung meines Vaters war schon immer ein Versprechen, dass alles gut wird. Ich fühle mich wie sein kleines Mädchen, das ich wohl immer bleiben werde.

Wir gehen durch ins Wohnzimmer, wo mein Bruder und seine Freundin auf der Couch sitzen. Kannst ruhig mal aufstehen, wenn deine Schwester kommt, meine ich scherzhaft und wuschel ihm durchs schwarze Haar. Er steht gespielt gequält auf und ich umarme ihn fest. Na klauste wieder Energie?, murmelt er neckend. Ach ist es schön, wieder daheim zu sein!

Kein Tamtam aber Zeit zusammen

Weihnachten in meiner Familie ist eigentlich nicht sehr spektakulär. Wir haben keinen Baum, kochen kein aufwendiges Weihnachtsessen mit Gans & Co. und wir schenken uns auch nichts. Außer Zeit zusammen. Aber ganz ehrlich? Mehr als Zeit mit den drei Nasen brauche ich auch nicht! Es geht nicht darum, viel Tamtam um das Weihnachtsfest zu machen. Es geht darum, zusammen zu sein.

Weihnachten
Was zählt, ist die Zeit zusammen

Aber natürlich haben auch wir unsere Traditionen. Meine Mutter und ich schmücken ein großes Weihnachtsgesteck. Wir backen Plätzchen. Am Weihnachtsabend lege ich eine alte Platte mit Weihnachtsliedern auf. Frank Schöbel. Ich fürchte, der Rest meiner Familie kann die alten Lieder nicht mehr hören, aber ich bestehe darauf. Es gehört für mich dazu. Wir kochen zusammen und legen zur Feier des Tages eine gute Tischdecke auf – die irgendeiner von uns immer bekleckert (böse Zungen würden jetzt sagen, dass es immer ich bin, aber das stimmt nicht). Und danach gibt es Glühwein oder Eierlikör und es wird ein Spiel gespielt. Oder ein Verdauungsspaziergang eingelegt durch die verschneite Landschaft. Oder einfach nur zusammen gesessen.

Die alte Weihnachtspyramide schafft ein Gefühl von Heimat

Am ersten oder zweiten Weihnachtsfeiertag fahren wir zu meinen Großeltern. Dort gibt es Gans & Co. Und Reh mit Rosenkohl und Klößen oder Apfelrotkraut. Und drei verschiedene Nachtische. Danach habe ich eine Woche lang keinen Hunger mehr. Aber meine Oma kann und will es einfach nicht lassen. Ich finde das irgendwie niedlich. Wenn wir ehrlich sind, besteht Weihnachten doch zu einem großen Teil aus Essen. Und Spazierengehen, um Platz für neues Essen zu schaffen.

Meine Großeltern erzählen von Urlauben, ihrer Tanz- oder Wandergruppe. Oft lasse ich sie einfach reden, weil ich es so schön finde, wie sie sich freuen. Meine Oma zündet die Kerzen der alten Weihnachtspyramide an, die ich so liebe. Ich schau den drei Königen dabei zu, wie sie sich im Kreis drehen. Erst schnell, nach ein paar Stunden dann nur noch gemächlich. Zum Abschied gibt sie mir einen selbstgestrickten Pulli mit, damit ich mich nicht erkälte. Und eine große Tupper mit übriggebliebenen Essen. Das friere ich daheim ein, damit ich es im neuen Jahr einmal im Büro zur Mittagspause essen kann. Dann denke ich nostalgisch an Weihnachten zurück und freue mich.

Zweisamzeit

Jeden Tag nehmen meinen Freund und ich uns ein bisschen Zeit für uns. Wir fahren raus zum See und gehen spazieren. Oder wir gehen einen Kaffee trinken, in die Sauna, ins Schwimmbad. Ich liebe die Zeit mit meiner Familie, aber zu meiner Familie gehört ein ganz wichtiger Mensch, der in dieser Zeit nicht bei seiner Familie ist. Für mich! Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin sehr dankbar, dass er bei mir ist. Denn ohne ihn wäre Weihnachten für mich nicht vollständig. Ohne ihn ist nichts vollständig. Also ziehen wir jeden Tag unsere dicken Jacken an, um uns Zeit für uns zu gönnen. Zweisamzeit. Ich führe ihn an Orte, die mir früher wichtig waren, und zeige ihm, wo ich groß geworden bin. Manchmal fahren wir in andere Städte in der Nähe und schlendern Arm in Arm über romantisch beleuchtet Weihnachtsmärkte. Mit dieser Zweisamzeit schaffen wir uns unser eigenes kleines Pärchen-Weihnachtsfest.

Weihnachten ist doch nur ein kurzer Augenschlag

Mein Bruder und seine Freundin fahren am ersten Feiertag zu ihrer Familie. Sie ist auch ein Familienmensch und so splitten sie das Weihnachtsfest auf. Ich kann das sehr gut verstehen und freue mich unheimlich, dass sie es trotzdem jedes Jahr zu unserem Weihnachtsfest schaffen! Es geht nicht darum, wie lang man zusammen ist oder was man dann macht. Es ist nicht wichtig, ob man sich teure Geschenke macht oder was es zu essen gibt. Auch die Größe des Baumes oder der Weihnachtsbeleuchtung ist nebensächlich. Es geht darum, dass man zusammen ist. Dass man seine Probleme und seinen Stolz ablegt und sich darauf besinnt, wie selten und damit kostbar die Zeit zusammen ist. Es ist doch nur ein Augenschlag, bis alle wieder in ihren Alltag zurückkehren und ihr Leben führen. Und diesen einen Augenschlag möchte ich genießen und bewusst wahrnehmen.

Weihnachten bedeutet für mich vor allem eins: Zeit mit denen, die man liebt. Driving Home for Christmas.

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